Freitag, 17. Februar 2017

Die doppelte Liebeserklärung

Ich bin ja eigentlich echt ein Glückspilz. Meine bessere Hälfte hat nämlich einen richtig geilen Job. Er produziert Musik, und das mittlerweile auch oft in unserem grossen Londoner Pfarrhaus. Während ich also oben meine Predigt schreibe und in den grünen Garten schaue, wo die Füchse nachts ihr Unwesen treiben und die Rotkehlchen tagsüber um die Wette zwitschern, klingen von unten allerhand Töne nach oben. Gerade bastelt Tony Kaye unten an seinem neuesten Film. Ich gehöre zur Kategorie Mensch, für deren Konzentration ein Klangteppich im Hintergrund förderlich ist. Grüne Wiesen, Vögel, Stimmen und Musik. So lässt es sich arbeiten.

Pfarrmann Julian sitzt regelmässig bei mir in der Predigt (die er meist schon kennt, weil er sie in den Tagen zuvor kritisch lesen muss). Ein Agnostiker mit jüdischen Wurzeln und verankert in der ausserkirchlichen Welt nimmt er jeden schwammigen Kirchensprech gnadenlos ins Visier. Er entlarvt diese als faule Ausreden, wenn ich eigentlich nicht so richtig weiss, was ich sagen will. Im Vergleich hat mein Pfarrmann in seiner Jugend ja auch viel mehr Gottesdienste besucht als ich. Von Kirchensprech hat er also eine Ahnung. Während ich als junge linke Atheistin-Agnostikerin (deren Seele nach wie vor in meiner Brust schlägt) bei Juso-Veranstaltungen und auf Demonstrationen aufschlug, war Julian als Chorbube im Sängergewand in den Kathedralen Englands unterwegs. Wir haben uns dann irgendwo in der Mitte getroffen.

Im Gegenzug begleite ich Julian regelmässig zu Gigs in Londoner Clubs. Das ist der beste Ausgleich zu manchmal schwierigen Seelsorgebegegnungen, theologischen Krisen und Verantwortungslast. Meine eigene Vergangenheit als Sängerin einer Band liegt zwar Jahre zurück, und meine sängerische Tätigkeit beschränkt sich heute auf das Singen von Kirchenliedern, aber die Welt der Popmusik ist nach wie vor das beste Seelenfutter: das schummrige Licht, die Anonymität, existentielle Lyrik und Melodien, die direkt ins Herz zielen. Hier fühle ich mich oftmals eins mit der Welt und mit allem, was die Welt umfasst. Die Sinnfrage verliert ihre Dringlichkeit. Gebete in der Kirche schaffen das selten.

Kürzlich war ich im Camden Jazz Club am Konzert der wundervollen Beth Rowley. Sie wurde begleitet von Josh Savage. Beide sind regelmässig zu Gast im Pfarrhaus-Studio. Irgendwann hat Josh von der Bühne herunter gesagt: "Viele meiner Freunde hätten eigentlich Künstler oder Musikerinnen werden sollen. Aber sie haben sich eingeredet, dass das doch eh zu nichts führt und haben jetzt irgendwelche 9-5 Jobs. Es gibt so viele, die nie geworden sind, was sie sein wollten und sein sollten." Ich stand so da mit meinem Bier in der Hand und fühlte mich von diesen Sätzen unheimlich angesprochen. Kennt ihr, oder? Darin sind sich Pfarrerinnen und Lyriker ja sehr ähnlich: gelungen sind Worte dann, wenn sich möglichst viele Zuhörende individuell angesprochen fühlen. Das wiederum setzt eine gehörige Portion Authentizität voraus.

Wie ich also so da stand und mich individuell angesprochen fühlte, habe ich mir überlegt: bin ich geworden, was ich werden wollte?

Ich rekapitulierte: Bäuerin, Anwältin (Kampf für die Gerechtigkeit), Archäologin, Lehrerin (in der Lehrerinnen-Verehrungsphase), Wildtierphotographin, Gärtnerin (die fetten Würmer in der Schnupperlehre haben mich abgeschreckt), Auslandkorrespondentin, Politikerin (Bundesrätin natürlich), Reiseleiterin (ist heute quasi mein Hobby im privaten Bereich), Schauspielerin, Historikerin für Mittelalter (oder Altes Ägypten), Sängerin, Museumspädagogin, Journalistin, Kamerafrau.

Fazit: Ich bin nicht geworden, was ich sein wollte. Nichts davon.

Pfarrerin stand nie auf der Liste. Im Gegenteil. Als mir im Theologiestudium schwante, welche Berufsperspektiven sich da am Horizont zusammenbrauten, habe ich mehrmals die Flucht ergriffen. Im Schlund des Wales bin ich nie gelandet. Aber an vielen anderen Orten. Es waren gute Orte. Durchgangsstationen. Bis ich mir dann schliesslich doch den Talar übergezogen habe.

Nein, ich bin nicht das geworden, was ich sein wollte.

Ich bin genau das geworden, was ich sein will.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Es kann nur schief gehen!

Oft werde ich gefragt, ob meine Liturgie an der Swiss Church in London eigentlich typisch reformiert sei, oder inwiefern sie sich von Gottesdiensten in der Schweiz unterscheidet. Ich weiss nie so genau, was ich darauf antworten soll, zum einen, weil ich kaum eine Vergleichgrösse habe, denn das hier ist ja meine erste feste Pfarrstelle. Zum anderen, weil ich innerhalb der reformierten Kirche eine so unglaubliche Vielfalt erlebt habe, dass es für mich die typisch reformierte Liturgie eigentlich gar nicht gibt. Ich habe Heilungsgottesdienste erlebt und habe dabei selber Hand aufgelegt. Ich habe Gottesdienste mit DJ erlebt, und stille Meditation im Kreis. Ich habe befreiungstheologische Gottesdienste erlebt und ökumenisch ausgerichtete. Ich habe ganz traditionelle Gottesdienste erlebt, solche mit Herz und solche ohne. 

Ist meine Art der Gottesdienestleitung typisch reformiert? Natürlich, denn reformiert-sein ist Teil meiner Identität. Die Abendmahlsliturgie mit Gesang und Vergebungsgebet mag zwar katholisch anklingen, aber sie entspringt meinem reformierten Sehnen und Glauben. Der Friedensgruss ist bei uns so selbstverständlich wie das Amen nach dem Gebet. Ich nenne unsere Form des Gottesdienst feiern am liebsten reformiert-ökumenisch, denn die Menschen, die mitfeiern, sind katholisch, reformiert, anglikanisch, liberal, evangelikal, agnostisch. 

Diese Woche war eine Gruppe kantonaler Kirchenleitender und RepräsentantInnen der Akademien zu Gast in London. Wir hatten angeregte Gespräche mit Kirchenleitenden der anglikanischen Kirchen. Die englische Kultur hat schon immer eine grosse Faszination auf uns Schweizer ausgeübt. Unterwegs habe ich einem meiner Schweizer Kollegen erzählt, was das eigentlich mit einem macht, wenn man seine Predigten auf Englisch hält statt auf Deutsch, und da hat er zu mir gesagt: "Das musst du unbedingt einmal der Gruppe erzählen!" Auf der Reise war keine Zeit mehr, aber das Gespräch hat mich nicht mehr los gelassen, und so möchte ich hier diesen Gedanken weiter verfolgen. 

Ja, was unterscheidet denn die aufbrechende anglikanische Kirche von der suchenden reformierten Kirche? 

Oft denken wir, es ist die Hierarchie. Wenn wir nur einen Bischof hätten, der mal ein bisschen aufräumen könnte! 

Oder wir denken, es sei die orthodoxe theologische Linie. Diese Engländer reden so offen und hemmungslos von Jesus Christus und Mission!

Ich aber glaube, vieles hängt an der Kultur und an der Sprache und viel weniger an unseren konfessionellen und ekklesiologischen Unterschieden.

Die ersten zwei Jahre meiner Predigttätigkeit auf Englisch waren harzig, Über einer Predigt habe ich mindestens einen vollen Tag oder zwei gebrütet, im krampfhaften Versuch meine deutschen Schachtelsätze ins Englische zu transferieren. Mein Pfarrmann musste Abende damit verbringen, meine Predigten zu lesen und hat oft den Sinn nicht erfasst. Irgendwann hat er mich einmal gefragt, weshalb ich denn immer so lange und komplizierte Sätze mache. Ich solle doch die Sache einfach auf den Punkt bringen und die Sätze um einen Drittel kürzen. Von da an habe ich Schritt für Schritt gelernt, nicht nur auf Englisch zu predigen, sondern auch auf Englisch zu denken. Das Predigtschreiben viel mir immer leichter. Die Sätze wurden kürzer, prägnanter und bildhafter. Aber nicht nur das! Meine theologisches Denken hat sich verändert. Englisch ist eine sehr bildhafte und lebendige Sprache mit einem unglaublichen Wortschatz. Mein Denken und Reden über Gott wurde entsprechend eloquenter und weniger gstabig. Ich verlor die Angst vor Wörtern. Ich verlor die Angst, Dinge einfach mal stehen zu lassen. Anders als ich das aus dem (Schweizer-)deutschen gewohnt bin, muss nicht immer alles gleich noch relativiert werden. Das hat sicher auch mit der Berufserfahrung zu tun, aber zu einem grossen Teil auch mit der Sprache. Ich fühle und denke anders auf Deutsch oder auf Englisch. Lebhafter, selbstbewusster und unbeschwerter auf Englisch, tiefergreifender aber auch schwerfälliger auf Deutsch. Manchmal gibt es Inhalte, die kann ich auf Deutsch genau erfassen, aber auf Englisch geht der Sinn verloren, und vice versa. 

Aber nicht nur die Sprache beeinflusst das Handeln und Denken. Immer mit dem Risiko pauschalisierend zu wirken, würde ich den schweizerischen und englischen Arbeitsstil so unterscheiden: in England liegt der Schwerpunkt auf trial and error. Wir machen mal, und schauen, was daraus wächst. Wenn es nicht läuft, machen wir halt was anderes. Man traut sich gegenseitig was zu, und sich selber auch. In der Schweiz liegt der Schwerpunkt auf detaillierter Projektplanung. Ich staune manchmal, wenn mir meine KollegInnen erzählen, was sie alles vorlegen müssen, um ein Projekt zu starten, wie intensiv das im Vorfeld diskutiert und danach analysiert werden muss. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die der anderen ist viel weniger ausgeprägt. Man ist erst mal skeptisch. 

Was ich mir hier auch angeeignet habe: Lob auszuteilen und Lob entgegenzunehmen, motivieren statt ständig hinterfragen. Die Dinge laufen lassen. Aufmerksam sein und freuen, wenn etwas gelingt.Nicht gleich mit dem Auswertungsbogen kommen, um empirisch zu erfassen, weshalb das nun geklappt hat. Besser geht man ins Pub und feiert den Erfolg!

Meine innere reformierte Zerrissenheit und meine agnostische Grundhaltung habe ich deshalb nicht verloren. Sie ist da und sie gehört zu meiner DNA. Manchmal kommt Jesus ganz locker über die Lippen, dann wieder verstecke ich ihn eher verschämt im Hintergrund. Aber auch die Thomas-Momente kann man doch mit viel Herz und Überzeugung an den Mann und die Frau bringen. Mit Überzeugung glauben, und mit derselben Überzeugung zweifeln!

Brauchen wir Reformierten eine episkopale Hierarchie? Brauchen wir eine orthodoxere Theologie? Nein! Auch mit der Theologie einer Zweiflerin in einer basisdemokratischen Gemeinde kann man klare Sprache sprechen und überzeugt in die Welt hinaustreten, wenn wir uns nur die Freiheit geben und das Vertrauen schenken. 

Und einfach einmal das Trial and Error Prinzip anwenden und schauen, was der heilige Geist so vor hat! Es kann nur schief gehen. Das zumindest kann ich garantieren.









Freitag, 4. November 2016

Zwanzigtausend Pfund für ein Menschenleben

Mitten in der Nacht machen wir uns auf den Weg zum Flughafen. 5:50 Uhr ist keine menschenfreundliche Zeit, um den Urlaubsflug von London nach Berlin anzutreten. Als ich ins Taxi steige, hängt mein Gefühl irgendwo zwischen Vorfreude und dem Drang, sofort ins Bett zurückzukehren. Es wird noch lange nicht hell. 

Wir fliegen Norwegian Air, zum ersten Mal. Das mit dem Einchecken hat nicht geklappt, und so gehen wir zum Check-In Desk. Ganz offensichtlich hat auch die Frau am Schalter die Tagessonne noch nicht gesehen. Mürrisch blickt sie auf eine Liste, hadert mit unseren Namen und versucht uns noch irgendwo unterzubringen. Es dauert. Ist vielleicht der Flieger voll? Das kann doch nicht so kompliziert sein. Die Tickets sagen 29C und 30C. Wir sitzen nicht nebeneinander. Das ist auch ok. Wir wollen sowieso schlafen, um ausgeruht in Berlin anzukommen. 

Als wir das Flugzeug besteigen, kommen uns zwei Polizisten entgegen und geben dem Kabinenpersonal das ok. Ich frage mich kurz, was die wohl an Bord gemacht haben, habe die Frage beim Verstauen des Handkoffers aber schon wieder vergessen. Mein Mann sitzt in der zweitletzten Reihe. Alleine. Neben ihm und in der hinteren und letzten Reihe ist niemand. Es ist uns ein Rätsel, warum die Frau am Schalter uns nicht zusammen gesetzt hat, aber eigentlich ist auch diese Frage müssig, wir sind einfach müde. Ich schaue auf die Uhr. In 15 Minuten sollte der Flieger loslegen.

Ein Mann kommt herein. Er trägt ein Jacket und einen Badge um den Hals. Er lehnt sich zu meinem Mann. Er sagt irgendwas von Lärm, aber dass das dann vorübergehe. Hat Norwegian Air besonders lärmige Flieger? Ist etwas kaputt? Oder weil wir ganz hinten sitzen? Wird wohl nichts mit Schlafen. Ich drehe mich wieder nach vorne und studiere das Bordmagazin. 

"Wir transportieren Häftlinge", hat der Mann mit dem Badge zu meinem Mann gesagt. Das Paar neben mir wundert sich: "Dürfen sie das, Häftlinge einfach so auf einem Linienflug transportieren? Was haben die wohl gemacht? Sitzen wir mit dem Rücken zu einem Mörder?" Wir werden gewarnt, dass sich die Häftlinge sehr laut wehren und schreien werden, aber dass sich das während dem Flug beruhigen wird. Kurz darauf erscheint ein anderer Mann. Er sagt good morning und zückt einen Badge: "I am from the Home Office. We are transporting illegal refugees back to Germany today." Illegale Flüchtlinge also, da haben wir das Verbrechen der 'Häftlinge'. Der Mann vom Home Office (das britische Innenministerium) fährt weiter: "Das sind zwei Männer, einer aus Syrien und einer aus dem Irak, die wir nach Deutschland zurückbringen. Sie werden sich wehren und sehr viel Lärm machen, sich erfahrungsgemäss aber kurz nach Abflug beruhigen." Mir fällt das Herz in die Hosen. Die Gesichter um mich herum werden bleich. 

Fünf Minuten später werden die beiden Männer ins Flugzeug geführt. Der Mann vom Home Office hat nicht übertrieben. Die Flüchtlinge werden von je drei starken Menschen begleitet. Obwohl, nein, sie werden nicht begleitet, sie werden ins Flugzeug geschleppt, gehievt, gezwungen. Und sie schreien wie am Spiess: "Please people, help! Me no go Germany, please, no go Germany! Please people help!" Durch das ganze Flugzeug schallen die Schreie. Die Männer werden in ihre Sitze gedrückt und festgezurrt. Meine Knie sind weich und ich kann meinen Herzschlag durch den Pullover sehen. Die junge Frau neben mir bricht in Tränen aus. Wir sind alle sprachlos. Irritiert frage ich den Mann vom Home Office: "Bringen Sie die Männer nach Syrien und Irak zurück?" - "Nein, das sind anerkannte Flüchtlinge in Deutschland. Da sind sie freie Männer."

Nur, die Männer wollen in England bleiben. "Das kostet den Steuerzahler £20'000 pro Jahr", sagt der Mann vom Home Office. "Die müssen halt besser zu den Flüchtlingen schauen, da drüben in Deutschland, dann wollen sie auch wieder zurück", sagt der Mann vom Home Office. Er meint das wirklich. Dass Grossbritannien eine kleine Anzahl von 20'000 Flüchtlingen über 5 Jahre aufnimmt, während Deutschland innert kürzester Zeit weit über eine Million Neuankömmlinge aus Krisengebieten aufgenommen hat und nun deren Status prüft, das sagt der Mann vom Home Office nicht. 

Der Kapitän kommt persönlich vorbei und fragt uns, ob wir Kaffee oder Tee wollen, aufs Haus. "Wir wollen keinen Tee, wir wollen eine menschlichere Asylpolitik in Grossbritannien", sage ich hilflos. Was soll man sonst sagen. Der Kapitän zuckt nur mit den Schulten.

"Die Rückführungsflüge finden immer am Morgen früh statt. Auf der ersten Norwegian Air Maschine am Montag morgen sind immer Häftlinge", sagt einer der Begleitmänner. "Manchmal machen wir auch Charter Flüge. Pro Woche werden 20-30 illegale Flüchtlinge nach Deutschland rückgeführt", sagt er weiter, fast stolz. Er ist Soldat, hat früher Unterwasserbomben entschärft und war in den meisten Krisengebieten dieser Welt. Er hat fast ausgedient und macht jetzt noch diesen Job, ein Kinderspiel. Easy Jet mache keine Rückführungen mehr, erzählt er weiter. Zu viele Reklamationen. Zu viele unzufriedene Fluggäste. 

Der Abflug wird von den Schreien der Männer begleitet. Als wir unsere Flughöhe erreicht haben, verstummen die Schreie. Das sei das Adrenalin, behauptet der Mann vom Home Office. Medikamentöses Ruhigstellen sei nicht erlaubt. Einzig Sicherheitsgurten und spezielle Handfesseln mit Metallknöpfen, die den Männern ins Handgelenk gedrückt werden können. 

Wir landen in Berlin. Es ist gerade hell geworden. Die Männer werden aus dem Flugzeug geschleppt. Jetzt widerstandslos, aber immer noch in Handschellen. Dann können auch wir die Maschine verlassen. Die beiden Flüchtlinge stehen vor einem Kastenwagen, barfuss auf dem kalten Asphalt. Einer der Männer hat ganz geschwollene und rote Handgelenke von den Metallknöpfen.

Ihr Leben in Deutschland beginnt, und unser Urlaub auch. 

Wir besuchen die Atombunker des Kalten Krieges und das Stasi Museum. Die Geschichte Berlins ist die Geschichte Europas ist unsere Geschichte. Sie hat uns auf dem Hinflug schon eingeholt. 

Vier Tage später sitzen wir wieder im Flugzeug. Diesmal fliegen keine Flüchtlinge mit. 





Donnerstag, 8. September 2016

Und vergib mir meine Sünden...



Sobald mal als Pfarrerin das Wort 'Sünde' sagt, begibt man sich auf Glatteis. Es gibt wohl kaum einen anderen Begriff, der im kollektiven Gedächtnis so grossen Schaden hinterlassen hat. 



Warum ist das so? Jahrhundertelang hat die Kirche den Sündenbegriff als Machtinstrument missbraucht, um die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen (das Fegefeuer droht!) und so an sich zu binden. Denn nur der geweihte Priester konnte den Sünder frei sprechen. In vielen Kirchen hat sich das geändert. Die Reformatoren haben sich im 16. Jahrhundert dagegen aufgelehnt und gesagt: wir Gläubigen brauchen keine Priester, die zwischen uns und Gott vermitteln. Wir können diese Beziehung direkt pflegen, und also auch direkt um Vergebung bitten. 



Doch nicht nur das hierarchische Gehabe der Kirche hat dem Sündenbegriff Schaden zugefügt. Die Sünde wurde aufs engste mit Körperlichkeit und Sexualität verknüpft und hat uns Menschen in der Folge von uns selber entfernt und grosses Leiden verursacht. Wir sind nicht nur Geist. Wir sind auch Körper, und wir sind nur dann frei, wenn sich Körper und Geist gleichermassen entfalten können. Ein einfaches Beispiel: Wenn's bei mir im Oberstübchen klemmt, dann muss ich rennen gehen, um den Geist wieder ins Laufen zu bringen. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit geht an die Seele. 

Die Unterdrückung der menschlichen Sexualität hat ein tiefes Trauma ausgelöst, aus dem wir uns nur allmählich lösen. Doch immer noch lauern Kirchen an allen Ecken, die die alte Leier spielen, sowohl traditionelle Kirchen wie auch neue Kirchen im poppigen Gewand: Sex vor der Ehe, Masturbation, Sinnlichkeit, Familienplanung, gleichgeschlechtlicher Sex - alles Sünden, die uns von Gott trennen. Dieses moralisierende Sündenverständnis hat ein weiteres Problem: es reduziert die Beziehung des Gläubigen zu Gott auf eine sehr individuelle Angelegenheit. Wenn ich einem einfachen Rezept, quasi einer klar definierten To Do Liste folge, dann bin ich im Reinen mit Gott und der Welt. Doch die Welt, wie wir sie jeden Tag erfahren, ist so viel komplexer, so viel komplizierter, und ob wir das wollen oder nicht: wir sind Teil von diesem grösseren Ganzen, das unsere Ego-Beziehung mit Gott bei Weitem überschreitet.

Für viele ist die Sünde passe, und wenn sie überhaupt noch vorkommt, dann ganz trivial. Schokoladenmarken werben mit dem Sündenbegriff ebenso wie Jeansmarken und Restaurantketten. In London gibt es ein asiatisches Nudelrestaurant namens 'SIN'. Das steht für 'Salvation in Noodles'. (Sehr empfehlenswert übrigens!) Wir lachen über die Sünde und verbannen sie ins Reich der Phantasie. Die Sünde hindert uns, unser Leben frei und glücklich zu leben.
  
Ich sage: wir brauchen das Sündenbekenntnis mehr denn je. Nicht die Trivialisierung oder die Moralisierung der Sünde führen zur Freiheit, sondern das Bekenntnis zu unserer Sündhaftigkeit.

Sünde und Freiheit- wie geht das? 

In unserer Gesellschaft haben sich zahlreiche neue Religionen breit gemacht. Der Weg zu Glück und Erlösung führen über die richtige Ernährung, die neusten Modetrends, exzessiven Sport, Meditation und Positive Thinking... (die übrigens alle durchaus auch eine Rolle in meinem Leben spielen, wenn auch nicht exzessiv). Wir sehnen uns nach Erlösung von dem, was uns belastet und von dem, was das Leben uns oft ungefragt in den Weg wirft. Wir wollen vergessen, überwinden, rein sein. Wir wollen Erlösung vom Gefühl der Lebenslast. Viele neo-spirituelle und trendig-religiöse Angebote versprechen genau dies: wenn man alles richtig macht, dann kann man quasi per sofort rein sein und super-glücklich. Die Wahl ist gross. Und der Druck auch. Welche ist denn nun die richtige Wahl? Was muss ich tun, damit auch ich mich von allem Unangenehmen abheben kann? 

Die Grundannahme, dass wir uns den Zustand des Erlöstseins aktiv erarbeiten können, macht uns unfrei und ist oft egoistisch. Die einen wollen einen möglichst körperfreien Zustand erreichen, die anderen sind auf ihren Körper fixiert und vergessen darüber den Geist. Schon kurz nach der Reformation hat sich dieser Krampf breit gemacht, als man dachte, dass ein fleissiger und arbeitsamer Lebensstil gottgefällig ist. Denn wenn der Priester nicht vermittelt, dann muss man halt selber an diese Sache ran. Mit viel Arbeit. Die protestantische Arbeitsethik hat sich blitzeschnell in unserer Gesellschaft breit gemacht und hockt uns heute noch im Nacken.

Also was jetzt?

Stehen wir doch einfach einmal hin und sagen laut: ich bin eine Sünderin! Oder auf modern: ich verbock's immer wieder! 

Es gibt zwei Arten von verbocken, oder sündigen. Einerseits ist da die individuelle Sünde. Beispiel: ich sage zu einem geliebten Menschen im Affekt etwas, von dem ich weiss, dass es ihn verletzt. Ich sage es trotzdem. Dann gibt es andererseits die strukturelle Sünde. Beispiel: als weisser Mensch bin ich verstrickt in die Geschichte der Versklavung schwarzer Menschen und die traumatischen Konsequenzen, die über Generationen weiter getragen werden, und das obwohl die Sklaverei bei meiner Geburt gar nicht mehr existiert hat. 

Ich bin mit mir selber, mit meinem persönlichen Umfeld, mit der Nachbarschaft, Gesellschaft und der ganzen Menschheit eng verknüpft und alle meine Handlungen und Gedanken haben Konsequenzen, gute wie schlechte. Ich kann mich daraus gar nicht erlösen. Ich kann mich höchstens daraus weg wünschen und meine Verantwortung in der Schöpfung ignorieren. Oder ich kann hinstehen und sagen: ja, ich bin Mensch, und ja, ich verbock's. In der Kirche wird diese Einsicht mit der Taufe zum Ausdruck gebracht.

Jesus hat sich taufen lassen. Warum eigentlich? Ist nicht gerade er, der Sohn Gottes, ohne Sünde? Eben nicht, und das ist der Punkt. Jesus war Gott und Mensch, und als Mensch eben ganz und gar sündhaft. Man kann eben nicht Mensch sein und sich aus der Schöpfungsverantwortung stehlen. Nicht mal Gott kann das.

Super, eigentlich. Einmal hinstehen, taufen lassen, Sündhaftigkeit eingestehen, Vergebung empfangen und aus die Maus. Aber so einfach ist es eben nicht. Das Hinstehen und der Ausruf: ich bin Snder! ist an zwei Bedingung geknüpft: erstens, dass wir einsichtig bleiben und die Vergebung immer wieder suchen, ein Leben lang, und zwar auf allen Ebenen: bei den Mitmenschen und der ganzen Menschheit, die man verletzt, gewollt oder ungewollt. Bei sich selber, dafür, dass wir uns oft so verrennen und wir so fürchterlich streng mit uns selber sind, perfekt sein wollen und unsere eigenen Grenzen nicht anerkennen. Und ganz bestimmt bei Gott, Urgrund des Lebens auf dem wir alle stehen und Quelle aller Vergebung, auch dort, wo unsere eigene nicht hin reicht. Und zweitens, dass wir das Zugeständnis der Vergebung als Kraftquelle nutzen um zu ändern, was wir ändern köönnen, wohlwissend, dass es nie reichen wird, und trotzdem die Hoffnung auf Gerechtigkeit nie aufgeben. 

Wir müssen nicht perfekt sein. Wir müssen einfach dran bleiben. Mit Geist, Körper und Seele.